Von der Stadtentwässerung erwartet man keine Architektur. Das Klärwerk von Bubeneč in Prag widerlegt diese Vorstellung auf den ersten Blick: Fluchten von Ziegelgewölben, siebenundachtzig Meter lange Absetzbecken, ein wie ein Kirchenschiff behandelter Maschinensaal. 1906 in Betrieb genommen, 1967 stillgelegt, ist es die älteste erhaltene Anlage dieser Art in Europa.
Prag vor der Kanalisation
Im 19. Jahrhundert wächst Prag rasch und entwässert schlecht. Das Abwasser erreicht die Moldau ohne Behandlung, Seuchen folgen, und die Stadt gesteht sich schließlich ein, dass sich die Frage nicht von Fall zu Fall lösen lässt. 1884 wird ein Wettbewerb ausgeschrieben, um die Hauptstadt mit einem vollständigen Entwässerungsnetz samt Klärwerk auszustatten.
Nur ein Entwurf wird angenommen und gebaut: der von William Heerlein Lindley, einem britischen Ingenieur und Fachmann für Stadtentwässerung, der bereits mehrere große Städte Mittel- und Osteuropas ausgestattet hat. Lindley entwirft das Ganze als zusammenhängendes System, Sammler, Netz, Vorfluter, dessen Endstück das Klärwerk von Bubeneč bildet.
Eine Baustelle von fünf Jahren
Die Arbeiten beginnen 1901 und enden 1906, zu Kosten von 2 331 778 Kronen. Der Probebetrieb startet am 27. Juni 1906; die behördlichen Genehmigungen ziehen sich anschließend bis zum 15. Januar 1909 hin, dem Tag der endgültigen Abnahme.
Die Reinigung ist rein mechanisch und erfolgt in drei Schritten. Zuerst hält ein von Hand gereinigter Rechen die groben Stoffe zurück. Dann ein Sandfang in Becken von 34 mal 12 Metern bei 5 bis 6 Metern Tiefe, aus dem der Sand gehoben und gewaschen wird. Schließlich die Absetzung in zehn Becken von 87 Metern Länge, 5,52 Metern Breite und 2,70 Metern Tiefe, in denen sich die Schwebstoffe absetzen, bevor der Schlamm abgepumpt wird.
Die gesamte Anlage läuft zunächst mit Dampf: Kessel und Maschinen treiben die Pumpen an, bis zur Elektrifizierung in den 1920er Jahren. 1927 bringt eine Modernisierung einen mechanischen Rechen und vier zusätzliche Absetzbecken. Diese Mischung aus viktorianischer Ingenieurskunst und Maschinenbau vom Beginn des 20. Jahrhunderts, an Ort und Stelle geblieben, macht heute den Reiz des Ortes aus.
Die Stilllegung, dann die Anerkennung
Das Klärwerk arbeitet bis 1967, als die neue Prager Zentralkläranlage auf der Kaiserinsel die Aufgabe übernimmt. Bubeneč behandelt noch bis 1983 Schlämme, hält dann endgültig an und schläft ein, was es paradoxerweise gerettet hat: niemand hat die Maschinen abgebaut oder die Becken verfüllt.
Die denkmalpflegerische Anerkennung folgt danach. 1991 Kulturdenkmal, wird das Ensemble 2010 zum nationalen Kulturdenkmal erhoben. 2016 wird es Ankerpunkt der Europäischen Route der Industriekultur (ERIH), des Netzes, das die großen Industriestätten des Kontinents zusammenführt. Seit 2019 betreibt Tschechien seine Bewerbung um das UNESCO-Welterbe.
Das Argument ist stichhaltig: es gibt sonst nirgends in Europa ein Klärwerk dieser Generation, das mit seiner Architektur, seinen Gängen und seiner Ausstattung erhalten wäre. Zu unterirdischen Entwässerungsbauwerken siehe auch die Seite über die Bewirtschaftung des Grundwassers.
Quellen: Stará čistírna odpadních vod, Praha-Bubeneč; Trade Centre Praha a.s.; European Route of Industrial Heritage (ERIH); tschechischer enzyklopädischer Artikel über die Stará čistírna odpadních vod (Praha-Bubeneč); Prague City Tourism.
Dieser Rundgang ist Teil des Katalogs der virtuellen Rundgänge durch das unterirdische Erbe.
