Ein aufgelassener Steinbruch stellt immer dieselbe Frage: was damit anfangen? In Port-d’Envaux in der Charente-Maritime kam die Antwort von einem Bildhauer. Seit 2001 bedecken sich die Abbauwände des ehemaligen Steinbruchs Les Chabossières mit einem gemeinsamen Bildhauerfries, Jahr für Jahr von Künstlern aus aller Welt gehauen. Die Anlage ist frei zugänglich, kostenlos und Tag und Nacht geöffnet.
Der Stein der Saintonge
Der Kalkstein dieses Charente-Tals, der Stein von Crazannes, der auch in Port-d’Envaux und in Plassay gebrochen wurde, ist ein Material von altem Ruf: beim Abbau weich, härtet er an der Luft aus und eignet sich hervorragend für die Bildhauerei. Man findet ihn an bedeutenden Bauwerken wieder: am Kölner Dom, an den Hamburger Hafenanlagen und vor allem an den großen Seebauten der Atlantikküste, dem Leuchtturm von Cordouan, Fort Boyard, den Türmen von La Rochelle.
Der Abbau erfolgte zunächst im Tagebau, mit der flachen Spitzhacke der Charente, im 17. und 18. Jahrhundert, dann untertägig mit der Säge in den jüngeren Fortsetzungen. Die Steinbrecher haben senkrechte Wände von mehreren Metern hinterlassen, Blockhalden und Hohlräume: genau die Flächen, nach denen ein Bildhauer verlangen kann.
Eine gemeinsame Arbeit auf unbestimmte Zeit
Der Verein Les Lapidiales, nach dem Vereinsgesetz von 1901 verfasst, wird im Jahr 2000 von dem Bildhauer Alain Tenenbaum gegründet. Sein Vorhaben lässt sich in einem Satz fassen: einen Kunstraum in beständiger Entwicklung schaffen, in dem Bildhauer aus allen Ländern über Jahrzehnte hinweg an einem gemeinsamen Werk arbeiten, das künftigen Generationen von ihrem Menschsein in ihrer Zeit Zeugnis gibt. 2001 nimmt der Verein den Steinbruch Les Chabossières in Besitz.
Die Arbeitsweise ist dieselbe geblieben. Jedes Jahr werden zwischen dem 1. Mai und dem 30. September fünf bis sieben Bildhauer als Gäste aufgenommen; sie berufen einander von einer Saison zur nächsten. Seit den Anfängen haben sich dort rund fünfzig Künstler abgelöst und nahezu sechzig monumentale Skulpturen geschaffen.
Die Werke stehen nicht zufällig nebeneinander: sie ordnen sich zu thematischen Gruppen, die das Lesen der Anlage gliedern, „Denkmal für die umsonst Gefallenen“, „Vom Abgrund zum Azur“, „Im Bauch der Welt“, „Erde, Planet, Leben“, „Das Imaginäre des Flusses“ oder auch „Die Galaxie der aufgerichteten Steine“.
Ein Verein, kein Museum
Les Lapidiales bekennen sich zu einem bewusst vereinsmäßigen Modell: rund 250 Mitglieder, ein Jahresbudget in der Größenordnung von 80 000 Euro, wovon nur ein kleiner Teil aus Beiträgen und Leistungen stammt, der Rest aus öffentlichen Zuschüssen. Es gibt weder Kasse noch Öffnungszeiten noch Bewachung.
Die Tätigkeit geht weit über die Bildhauerei hinaus: Kurse in Steinbearbeitung, Werkstätten für Kinder, philosophische Cafés, Lesungen, Begegnungen und ein jährliches Festival, das vier- bis fünftausend Menschen zusammenführt. Das Publikum kann die Künstler während der Saison bei der Arbeit sehen und mit ihnen sprechen, was in der Welt der monumentalen Bildhauerei selten bleibt.
Quellen: Verein Les Lapidiales; Gemeinde Port-d’Envaux; Gemeindeverband Cœur de Saintonge; Unterlagen über den Stein von Crazannes und seine Steinbrüche.
Dieser Rundgang ist Teil des Katalogs der virtuellen Rundgänge durch das unterirdische Erbe.
